Title:

Die Blutegeltherapie

Description:  Eine wiederentdeckte Therapie aus der traditionellen Medizin.
Author:Monika Litscher
deutsch
  
ISBN: 1463669925   ISBN: 1463669925   ISBN: 1463669925   ISBN: 1463669925 
 
  Wir empfehlen:       
 

Volkskundliches Seminar der Universität Zürich

Proseminar Mensch und Tier SS 2001

 

Konzepte und Begriffe aus der traditionellen Medizin

Historischer Rückblick in die Geschichte des Egels

Das Comeback in der heutigen Medizin

Fallbeispiel Dr. M. Kraska

Der Blutegel

Blutegelbehandlung

Blutegelzucht

Kurioses und Wissenswertes vom Egel

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

 

monika.litscher@gmx.net

 

 

 

 

 

Die Blutegeltherapie

Eine wiederentdeckte Therapie aus der traditionellen Medizin

 

Einleitung

Das Thema - die Blutegeltherapie, eine wiederentdeckte Therapie aus der traditionellen Volksmedizin - habe ich im Rahmen des Proseminars "Mensch & Tier: volkskundliche Aspekte einer notwendigen Beziehung" ausgewählt. Die doch eher spezielle Art von Mensch-Tierbeziehung bei der Blutegeltherapie erschien mir sehr interessant. Zudem könnte die Blutegeltherapie als ein Beispiel für die allgemeine Wiederentdeckung altherkömmlicher volkskundlicher Therapieformen gelten. Persönlicher Ansporn dieses Thema zu wählen, war vor allem Interesse an "alternativen" Therapien.

Das Augenmerk in dieser Arbeit soll jedoch vorwiegend auf die Geschichte, sowie den Wandel der Bedeutung der Blutegeltherapie gerichtet werden. Aspekte aus der Zivilisationstheorie von Norbert Elias und die Theorie der Vier Säfte aus dem 18. Jahrhundert sollen die Fakten noch verdeutlichen.

Einige Worte zum Inhalt der Arbeit: als Einstieg stelle ich einige allgemeine Begriffe und Konzepte aus der Volksmedizin resp. aus der traditionellen Medizin vor. Anschliessend zeige ich einen kurzen historischen Abriss der Geschichte des Blutegels auf. Die Anfänge der Blutegeltherapie lassen sich nicht exakt feststellen, sie datieren möglicherweise in die Zeit vor unserer Zeitrechnung. Die Entwicklung und die Bedeutung der Blutegeltherapie bis zu deren Blütezeit und dem abruptem Ende im 19. Jahrhundert wird aufgezeigt. Der aktuelle Stellenwert in der heutigen Medizin wird im darauffolgenden Teil ins Zentrum der Betrachtungen gerückt. An dieser Stelle gehe ich auf das Interview mit Dr. M. Kraska, einem Schulmediziner aus Zürich ein. Der Stellenwert der Blutegeltherapie in der heutigen Medizin ist sicherlich in dieser Arbeit nicht ausreichend zur Sprache gebracht worden. Das Fallbeispiel gilt selbstverständlich nicht als repräsentativ und soll als isoliert dastehend betrachtet werden.

Im darauf folgenden Kapitel gehe ich auf die Blutegel an sich ein. Ich beschreibe die Egel, ihre Wirkungsweise und Substanzen, die möglichen Indikation und die Blutegeltherapie an sich. Der nächste Teil handelt von der aktuellen Blutegelzucht. Hier diente mir die Blutegelzucht Zaug in Biebertal, Deutschland als Fallbeispiel. Zuletzt erwähne ich noch Anderes und Kurioses über den Blutegel und schliesse mit dem Fazit.

Die Werke "Grundriss der Volkskunde" und "Ritual und Heilung, eine Einführung in die Ethnomedizin" beide aus der Reihe der ethnologischen Paperbacks vom Dietrich Reimer Verlag, dienten mir als Grundlagen für das erste Kapitel über die Volksmedizin. Für den historischen Abriss, wie auch die folgenden Kapitel haben mir vor allem der Gesundheitsratgeber Blutegel-Therapie von Pukownik und die ausführlich gestalteten Internetsites der Blutegelzucht Zaug - www.biebertal.de als Quelle gedient. Alle weiteren Quellen haben eher ergänzenden Charakter.

Begriffe und Konzepte aus der traditionellen Medizin

Die traditionelle Medizin stellt unter dem Begriff "Volksmedizin"(1) ein Teilgebiet der wissenschaftlichen Disziplin Volkskunde dar.(2) Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde dem Forschungsfeld Volksmedizin im deutschen Sprachraum erstmals von Aerzten Beachtung geschenkt. So veröffentlichte 1843 der Rostocker Arzt Georg Friedrich als einer der ersten die "Enzyklopädie der gesamten Volksmedizin". Erst in den 30er Jahren begannen Medizinhistoriker, wissenschaftlich arbeitende Naturforscher, Volkskundler und Ethnologen Substanz und Inhalt der Volksmedizin auf die historischen, erfahrungsmässigen und seelischen Grundlagen und Bezüge hin zu erforschen. Gustav Jungbauer präsentierte 1934 mit seiner "Deutschen Volksmedizin" erstmals eine Zusammenfassung von rein volkskundlicher Seite her. Er gliederte seine Volksmedizin in sechs grosse Hauptkapitel, welche die Krankheitsnamen, Entstehung der Krankheit, Vorbeugung und Schutzmittel, Bestimmung der Krankheit, Heilung und Tierheilkunde beinhalten. Das volksmedizinische Forschungsgebiet wurde stark vernachlässigt bis Hanns Otto Münsterer, wieder ein Arzt, im Jahre 1950 "Grundlagen, Gültigkeit und Grenzen der volksmedizinischen Heilverfahren" herausgab. Als Gründe für die Vernachlässigung erwähnt Grabner, dass Volksmedizin oft mit "Aberglauben" gleichsetzt und als "gesunkenes Kulturgut"(3) angesehen wurde. Gegenwärtig wird dem Forschungsgebiet "Volksmedizin" eine interdisziplinäre Stellung eingeräumt. So lautet ein Definitionsversuch vom Ethnologen Sterly folgendermassen:

"Ethnomedizin oder Ethnoiatrie ist keine Disziplin der Schulmedizin, ja nicht einmal eine eigene wissenschaftliche Disziplin. Sie wäre anzusprechen als interdisziplinärer Bereich zwischen Ethnographie oder Ethnologie und Medizin. Streng genommen befasst sie sich mit der Krankheits- und Heilkunde, die nicht wissenschaftlich im Sinne der akademischen Medizin ist, gleich welcher ethnischer Herkunft sie sein mag."(4)

Die Volksmedizin bestand seit eh und je aus der Erfahrungs- und Zaubermedizin. Durch das Aufkommen der Schulmedizin entwickelten sich zwischen ihr und der Volksmedizin Beziehungen. Die Volksmedizin übernahm manches aus der Schulmedizin, welches dann als Erfahrungsmedizin oder mit Motiven der Zaubermedizin verbunden, praktiziert wurde. Heute übernimmt die Schulmedizin Heilpraktiken aus der traditionellen Medizin.(5) Das Verhältnis zwischen der Schulmedizin und der Volksmedizin war immer gespannt. So nehmen auch heute viele Schulmediziner noch eine ablehnende Haltung gegenüber der Volksmedizin ein.

Die moderne Medizin, wie die Schulmedizin auch genannt wird, ist weitgehend standardisiert und wird weltweit ähnlich ausgeführt. Sie basiert auf dem euro-amerikanischen Weltbild mit seiner entsprechenden Körperkonzeption und ist nicht frei von kulturellen Konstrukten. Das Gegenstück zur modernen Medizin wird oft als traditionelle Medizin bezeichnet. Diese traditionelle Medizin ist von Region zu Region unterschiedlich und ist spezifisch mit der Geschichte und Kultur einer Gruppe verbunden. Es existiert nicht nur eine "traditionelle" Medizin, sondern diverse und sehr unterschiedliche, sich gegenseitig beeinflussende oder Teile voneinander übernehmende "traditionelle" Medizin (so z.B. Ayurveda, das medizinische System der Mayas etc.)(6)

In der Volksmedizin kommen verschiedene Krankheitsvorstellungen und Heilpraktiken vor. Einige haben sich bis heute behauptet, andere haben sich gewandelt oder sind in Vergessenheit geraten. So ist z.B. die Theorie der Humoraltherapie, welche ich im folgenden Kapitel weiter erläutern werde, bis heute in der traditionellen Medizin anzutreffen.

Unter den zahlreichen Heilmitteln in der traditionellen Medizin nehmen seit der Antike die Pflanzen eine hervorragende Stellung ein, daneben werden aber auch Produkte aus dem Mineral- und Tierreich verwendet. Der überlieferte Wortzauber, wie etwa in Beschwörungen, wird oft mit einer Heilpraktik verbunden.(7) Die mannigfaltigen volksmedizinischen Heilverfahren, geprägt von der Antike, dem Mittelalter, von Christlichem und Ausserchristlichem, von empirischem Wissen und mythisch-magischem Heilglauben sind Teil des grossen Bereiches Volksmedizin. Dies bezeichnet der US-Anthropologe David Landy als ein medizinisches System, das Teil der jeweiligen Kultur ist und sich entsprechend deren Bedürfnissen verändert:

"Die Medizin einer Gesellschaft besteht aus denjenigen kulturellen Praktiken, Methoden, Techniken und Substanzen - eingebettet in eine Matrix aus Werten, Traditionen, Vorstellungen und Formen der ökologischen Anpassung -, die es ermöglichen, Gesundheit zu erhalten und Krankheit und Schädigungen zu vermeiden oder zu verbessern. Das medizinische System einer Gesellschaft ist damit die gesamte Organisation ihrer sozialen Strukturen, Technologien und Personen, die ermöglichen, ihre Medizin auszuführen und zu erhalten, sowie sie zu verändern in Abhängigkeit zu intrakulturellen und extrakulturellen Herausforderungen."(8)

Der Mediziner Kleinman entwickelte in den 80er Jahren das "explanatory model of illness"(9) , um die Ineinanderverwobenheit einer spezifischen Kultur und ihrer Individuen aufzuzeigen. Dieses Erklärungsmodell unterscheidet den Arzt, den Heiler und den Kranken mit seiner Familie, welche die Erkrankung auf je unterschiedliche Weise interpretieren. Sie treten zueinander in Beziehung und verändern sich in einem therapeutischen Prozess. Das Modell Kleinman bezieht sich mehr auf die soziokulturelle Konstruktion von Erkrankung von Individuen, da sie sich von Person zu Person hin verändern, als auf ganze Kulturen:

"Im gleichen Sinne, in dem wir von Religion, Sprache oder Verwandtschaft als kulturellen Systemen sprechen, können wir auch Medizin als kulturelles System sehen, eines Systems symbolischer Bedeutungen, die auf dem Zusammenwirken sozialer Institutionen und Formen zwischenmenschlicher Beziehungen fussen. In jeder Kultur stehen Kranksein, die Antworten auf Kranksein, die Individuen, die sie fühlen und behandeln, und die sozialen Institutionen, die mit ihr in Verbindung stehen, alle zusammen in systematischen Beziehungen zueinander."(10)

Die Konzepte medizinischer Systeme sind wichtig, da dadurch verschiedene Aspekte, welche zu Krankheit, Kranksein, Heilen, Gesundheit und Wohlbefinden dazugehören, aufgezeigt werden können. Oft reichen biologische Erklärungen alleine nicht aus. Kranksein und Gesundheit haben nicht immer und überall die gleiche Bedeutung.(11) Je nach Standort und Zeitpunkt wird eine Medizin als die einzig richtige und wissenschaftliche betrachtet.

Historischer Rückblick in die Geschichte des Blutegels

Die Anfänge der Blutegeltherapie scheinen nicht so klar erforscht zu sein. So werden unterschiedliche Wurzeln erwähnt, die von den Aegyptern, Griechen, Römern bis hin zu Indern reichen. Doch die Aussage "seit Menschen heilen, spielen Blutegel eine fast immer bedeutende Rolle"(12) scheint mir wahrscheinlich, da sowohl Menschen wie auch Tiere von der heilenden Wirkung der Egel profitieren.

Das Wort "Egel", stammt vom griechischen Wort echis, was soviel wie kleine Schlange bedeutet. Bei den Germanen entsprach das Wort "Blutegel" mehr oder weniger dem Wort "Heiler". Dhanvantari, der indische Gott des Ayurveda, hält einen Blutegel in einer seiner vier Hände, und im Englischen wurden die Heiler des Mittelalters als "leecher" (engl. leech = Blutegel) bezeichnet.

In alten Sanskritaufzeichnungen, so berichtet Pukownik im Gesundheitsratgeber Blutegel-Therapie(13), wird bereits 1000 v. Chr. von der systematischen Zucht und Anwendung von Blutegeln berichtet. Die Blutegel sollen bei verschiedenen Krankheiten eingesetzt worden sein. Auch in der Ayurveda-Medizin, der indischen Heilkunde, hatten sie ihren festen Platz. Hippokrates (460 bis 377 v. Chr.), der Begründer der abendländischen Heilkunde, erwähnt die Säfte-Lehre in der Humoraltherapie. Der reinigende Aderlass(14) soll bei diversen Krankheiten den Körper von den üblen Säften befreien und die Säftemischung soll normalisiert werden. Hier finden sich die Ursprünge der Vier-Säfte-Lehre.

Einige Worte zum medizinischen Hintergrund dieser Vier-Säfte-Lehre oder der Humoraltherapie gibt Marion M. Ruisinger, Dozentin am Institut für Geschichte der Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg:(15) Im 18. Jahrhundert basierte die Medizin auf der Vorstellung der Vier-Säfte-Lehre, diese Gedanken wurzeln in der Philosophie der griechischen Antike. Ebenso wie sich der Kosmos aus den vier Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft zusammensetzte, so konstituierte sich der Mikrokosmos Mensch aus den vier Säften Schleim, Blut, gelbe Galle und schwarze Galle. Beim gesunden Menschen befinden sich die Säfte in einem harmonischen Gleichgewicht (Eukrasie). Sollte die Säftemischung aus der Balance (Dyskrasie) kommen, erkrankt der Mensch.

Es entstand im Verlaufe der Zeit aus dem einfachen Grundmodell ein ausgeklügeltes System, welches die Herstellung vielfältiger Verknüpfungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, also zwischen Mensch und Umwelt ermöglichte. Die Zahl "vier", die vom Christentum als Symbol für weltliche Ordnung übernommen wurde, trug dieses Beziehungsgeflecht. Die Vierzahl wurde nicht nur den menschlichen Säften zugeordnet, sondern auch den vier Kardinalorganen Herz, Gehirn, Leber und Milz, den vier Lebensaltern und den vier Temperaturen.(16) Die vier Säfte waren des weiteren durch die vier Eigenschaften warm, kalt, trocken und feucht charakterisiert. So bestand die Aufgabe eines Arztes darin, eine ganzheitliche Behandlung durchzuführen und die Wiederherstellung der verloren gegangenen Säftebalance zu unterstützen.

Z.B. sollen Fieber und Entzündungen geheilt werden, indem die Ausscheidung der in ihrer Mischung durcheinandergeratenen Körpersäfte Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle verstärkt wird.(17)

Weiter trifft man auch beim Arzt, Dichter und Priester Nikander von Colophon (200 bis 130 v. Chr.) und bei dem Griechen Themison von Laodica (1.Jh. v. Chr.), welcher als eigentlicher Begründer der abendländischen Blutegeltherapie gilt, ausführliche Hinweise derer Anwendung, schreibt Pukownik. Von dieser Zeit an wird die Blutegeltherapie in diversen Schriften wiederholt erwähnt. So beispielsweise Plinius der Aeltere 23 n. Chr., der beschrieb, dass die Blutegeltherpie nützlich sei bei Gicht und Hämorrhoiden. Um 325 bis 400 n. Chr., während der Zeit des alten Byzanz, erwähnt Oreibacios, der Leibarzt von Kaiser Julian Apostata, die Egeltherapie in seinen medizinischen Schriften. Die Therapie und die Indikationen werden genau geschildert. Oreibacios setzte die Blutegel beispielsweise bei der Schläfe an, wenn eine Augenentzündung kuriert werden sollte. Weiter beschrieb er erste Hilfe beim Verschlucken von Blutegeln, bei unvorsichtigem Trinken an Teichen kam dies anscheinend vor. Die Blutegel saugten sich im Hals, Kehlkopf oder in der Speiseröhre fest, was zu heftigen Blutungen führte. Als erste Hilfe galt es, Essigwasser zu trinken, womit die Tiere abgetötet werden, rutschten sie in den Magen, tötet die Magensäure die Egel ab.

Im Mittelalter war die Blutegeltherapie weit verbreitet. Hildegard von Bingen (1098 bis 1179 n. Chr.), deren Bücher sich heute wieder grosser Beliebtheit erfreuen, empfahl diese ebenfalls. Alle Aerzte und Bader wendeten die Egeltherapie bei unterschiedlichsten Erkrankungen an. Arme Leute setzten die Egel wahrscheinlich auch selbst an. Bis fast zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Therapie allgemein bekannt. Zu dieser Zeit begann die Verdrängung der empirischen Erfahrungs- und Volksheilkunde durch die Chemie. Als rückständig geltend, fiel die Blutegeltherapie der Schulmedizin zum Opfer, da Blutegel weder zu sterilisieren noch keimfrei zu machen sind, wurden sie abgelehnt.

Zeichnung von Wilhelm Busch

  Die letzte "Blutegelmode" begann Anfang des 19. Jahrhunderts. Der französische Kliniker und napoleonische Armeechirurg Broussais und sein Kollege Bouillard setzten die Blutegel sehr exzessiv ein. Fast jede Krankheit wurde mit Blutegeln "bekämpft". Zur Zeit des "Broussaisismus" wurden so auch bei Krankheiten wie Pocken, Masern, Scharlach, bei Störungen der Drüsenfunktionen und bei Geisteskrankheiten die Egel für den Blutentzug eingesetzt. Die Blutentziehung nahm immer mehr zu, es wurde sogar von "Vampirismus" gesprochen. Die Beliebtheit der Blutegel nahm stetig zu, artete schliesslich zu einer Epidemie aus und manifestierte sich neben der Medizin auch in der Frauenmode. Die Farbmuster der Rückseite der Egel wurden auf den Kleidern resp. "robes à la Broussais" der Damen der Gesellschaft abgebildet. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Frankreich ca. 100 Millionen Blutegel importiert und es wurden bis zu 80 Tiere an einer Sitzung angesetzt (vgl. heute max. 12 Egel pro Sitzung!). Diese masslose Uebertreibung führte oft zu ernsten, teilweise sogar tödlichen Zwischenfällen. Meist starben die Patientinnen nicht in der Praxis sondern zu Hause, wenn zum starken Blutverlust noch die nicht einkalkulierten Nachblutungen kamen. Die Abkehr von der Blutegeltherapie erfolgte dann recht plötzlich.

Weiter erwähnt der Frankfurter Arzt Heinz Bottenberg, dass durch das Aufkommen von Asepsis(18) und verbreiteten Kenntnissen über Krankheitserreger die Blutegeltherapie zurückwich:

"Wir haben hier die überaus interessante medizingeschichtliche Tatsache, dass ein grosser Teil wertvollen Heilgutes aus der offiziellen Medizin verschwindet und in die Praxis der Bader, Kräuterweiber, Kurpfuscher, Naturärzte et hoc genus omne abwandert. Dort fristet er jahrzehntelang ein, wie wir in letzter Zeit erkennen mussten, nicht wirkungsloses Dasein..."(19)

Wie Norbert Elias erwähnt, ist eine Verhaltensänderung nicht Produkt eines natürlichen Peinlichkeitsgefühls oder Ekelgefühls, sondern sie entsteht im gesellschaftlichen Verkehr und Gebrauch.(20) Es gibt weder rationalen Gründe noch ein Bewusstsein dafür was unhygienisch, gesundheitsschädlich oder eklig sein könnte:.

"Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. Diese fundamentale Verflechtung der einzelnen menschlichen Pläne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingender und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden. Es ist diese Verflechtungsordnung, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt; sie ist es, die dem Prozess der Zivilisation zugrunde liegt." (21)

Das Comeback in der heutigen Medizin

Die in Verruf geratene Blutegeltherapie wurde für ca.100 Jahre verdrängt, bis in den 1980er Jahren die rekonstruktive Chirurgie den Blutegel wiederentdeckte. Das Comeback begann mit einem von einem Hund abgebissenen Ohr, welches der Harvard-Professor Joe Upton seinem Besitzer, einem kleinen Jungen wieder annähte. Zuerst schien es nicht wieder anzuwachsen, erst als Upton einen Blutegel ansetzte, kam der Blutfluss im Ohr wieder in Gang und die Wunde verheilte. Dieser Fall verschaffte der Blutegeltherapie einen festen Platz in der Unfall- und plastischen Chirurgie. Durch ihre Speichelsubstanz ermöglichen die Blutegel ein Verbinden von getrennten feinen Venen ohne die Gefahr eines Blutgerinnsels.

Ansonsten wird die Blutegeltherapie gegen Thrombosen und teilweise auch gegen Embolien eingesetzt. Nach dem ersten Weltkrieg begannen ein paar wenige Aerzte diese Anwendung in Deutschland und Frankreich zu empfehlen.

Derzeit werden in der Schweiz Blutegeltherapien vor allem von Naturheilern und Schulmedizinern angeboten und angewendet. Die Blutegel sind wieder zu einem Bestandteil in der medizinischen Versorgung geworden und werden auch in der Tiermedizin eingesetzt.

Die Pharmaindustrie stellt Hirudin, die Hauptwirksubstanz des Egelspeichels, gentechnisch her und setzt es als klassisches Medikament ein. Der chemische Nachbau in Salbenform und die komplexe Mischung im Speichel des Blutegels unterscheiden sich, was die steigende Nachfrage nach dem Original miterklären könnte.(22)

Fallbeispiel Dr. Martin Kraska

Doktor Martin Kraska ist Schulmediziner in der Stadt Zürich. Er führt keine eigentliche Praxis, sondern macht beinahe ausschliesslich Hausbesuche. Er ist rund um die Uhr erreichbar, ein Callcenter nimmt die Anrufe entgegen und leitet diese per Pager an ihn weiter. Ueber eine Kollegin erfuhr ich, dass Kraska in einer Gesundheitssendung auf SAT.1 die Blutegeltherapie an einer Patientin angewendet hat. Dies veranlasste mich, ihn zu kontaktieren und ein kurzes semistrukturiertes Interview über die Blutegeltherapie mit ihm zu führen(23).

Kraska hat die Blutegeltherapie nicht in seiner Ausbildung erlernt, sondern ist in Gesprächen mit Patientinnen darauf aufmerksam gemacht worden. Vor allem ältere Frauen wünschten bei Venenthrombosen eine Blutegelbehandlung. Mit Ratschlägen von Krankenschwestern und durch Selbststudium hat er die Behandlung erstmals angewendet. Er setzt die Therapie etwa alle ein bis zwei Jahre auf Wunsch einer Patientin ein. Die einzige Indikationsstellung ist für Kraska die akute, oberflächliche Venenthrombose. Dies ist medizinisch vertretbar und nachvollziehbar für ihn. Als Nachbehandlung verschreibt er jeweils Medikamente zur Blutverdünnung für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten.

"Die Behandlung ist einmalig und geschieht immer auf Wunsch der Patientinnen. Ich propagiere diese Anwendung nicht. Es gibt oft ein Missverständnis, Frauen plagt oft weniger die akute, oberflächliche Venenthrombose, als Krampfadern, d h. kosmetischen Aspekte. Die Blutegeltherapie hat keinen Einfluss auf die Krampfadern, und ändert am Bild, am kosmetischen Bild, gar nichts. Viele Frauen haben da falsche Vorstellungen, die beseitigt werden müssen. So sind die Blutegel absolut ungeeignet für kosmetische Veränderungen. Nur bei krankhaftem, akuten Prozess werden Blutegel indiziert."

Kraska sieht die Medien als Ursache für die Wiederentdeckung der Blutegeltherapie in der Schulmedizin. So erklärt er:

"der Bedarf wird erzeugt durch blutgeile Journalisten, die es farbig und blutig haben wollen. Und wenn noch der Anstrich von Therapie und Helfen da ist, dann ist die Geilheit von Journalisten noch moralisch vertretbar. Nachher machen sie die Patienten und Aerzte verantwortlich."

So sieht er seinen Auftritt in der Gesundheitssendung denn auch als eine Gratiswerbung für sich, und keinesfalls als Reklame für die Therapie als solche.

Mir erscheint dieses Erklärungsmuster ein bisschen zu einseitig. Sicherlich ist die Rolle der Medien nicht zu vernachlässigen, doch scheint mir ein allgemeines Bedürfnis nach altherkömmlichen Heilmethoden vorhanden zu sein. Dies könnte einerseits damit erklärt werden, dass die Schulmedizin und/oder der Arzt an Prestige und Macht in unserer Gesellschaft eingebüsst haben. Andererseits werden die Grenzen, Missstände und Fehler der medizinischen Versorgung bewusster wahrgenommen. Des weiteren könnte sich durch eine stärkere Entfremdung des Menschen von der Natur das Bedürfnis nach "natürlicheren" Heilmitteln wieder eingestellt haben und die Wirkungsweisen volksmedizinischer Behandlungen werden heute wohl bereitwilliger anerkannt.

Gemäss Kraska sollte im Zusammenhang mit einer therapeutischen Massnahme nicht von "Ekel" gesprochen werden. Die Patientinnen, welche sich für eine solche Therapie entschliessen und dies geschehe auf Eigeninitiative, hätten sich nie in einer solchen Art geäussert. Die Therapie an sich ist neutral, wenn irgendwelche Assoziationen in dieser Hinsicht hinzukämen, würden diese klar von den Journalisten verursacht.

Kraska besorgt sich frische Egel in der St. Peters Apotheke in Zürich, dem einzigen Ort in Zürich, der Blutegel verkauft, unmittelbar vor der Behandlung.(24) Die gebrauchten Egel werden in Salz aufgelöst und eliminiert.

Das Verhalten des Schulmediziners Kraska scheint mir auf verschiedene Aspekte hinzuweisen. Einerseits werden die Menschen mehrheitlich nach der klassischen Schulmedizin behandelt, andererseits verlangen wenige sporadisch nach einer "natürlicheren" Behandlungsmethode. In diesem Falle sind es vor allem ältere Frauen, die eigene, angeeignete oder überlieferte Kenntnisse dieser alternativen Heilmethode besitzen. Die alternative Medizin wird kombiniert mit der Schulmedizin. Die Behandlung wird vom Arzt selbst ausgeführt oder dieser verweist den Patienten an einen Therapeuten oder Heilpraktiker. Dominant ist und bleibt die Schulmedizin; nur wenn eigenständige Patienten selbst eine Alternativbehandlung wählen, bleibt der Schulmediziner aus dem Spiel. Doch dieses, oft nicht oder nur teilweise von den Krankenversicherungen getragene Vorgehen bewirkt, dass der Patient selbst zu Kasse gebeten wird. Im Allgemeinen scheint aber eine gewisse Offenheit für alternative Heilmethoden vorhanden zu sein, sowohl beim Arzt wie auch beim Patienten.

Der Blutegel

Die Blutegel gehören zu der Familie der blutsaugenden Ringelwürmer, den Anneliden.(25) Sie stehen den Regenwürmern nahe. Am bekanntesten ist die Art der medizinischen Blutegel, der Hirudo medicinalis. Infolge der schlechteren Wasserqualität ist heute der Egel nur noch selten in unseren Gewässern, vor allem in flachen, kalkarmen Teichen anzutreffen. Für medizinische Zwecke werden heute Blutegel gezüchtet.

Aussehen, Grösse und Gewicht

Die Blutegel wiegen in ausgehungertem Zustand, also beim Ansetzen an den Patienten, zwischen einem und drei Gramm. Ihre Länge beträgt meist zwischen vier und acht Zentimeter (je nach Literatur kann diese Länge auch bis zu 12cm betragen). Vollgesaugt und satt verdoppeln oder verdreifachen die Tiere ihren eigentlichen Umfang. Die Blutegel speichern in zahlreichen Magenblindsäcken Blut als Nahrungsvorrat. Der Körper des Blutegels ist relativ flach, an beiden Körperenden befinden sich Saugnäpfe zum Festhalten. Ein grünlicher Streifen verläuft die Rückenmitte entlang, ansonsten sind sie häufig dunkelbraun bis schwarz (auf diversen Fotos der erwähnten Internetsites sind auch rot gemusterte Egel zu sehen). 95 Ringe, von denen die ersten neun bis zehn den Kopf bilden, unterteilen die Tiere. Auf der Rückseite des ersten, zweiten, dritten, fünften und achten Ringes befinden sich jeweils zwei schwarze Augen. Die vordersten vier Ringe bilden zusammen eine löffelförmige Haftscheibe, hinter der drei halblinsenförmige Kieferplatten liegen. Auf diesen befinden sich jeweils bis zu 90 feine, bewegliche Zähne, mit denen der Blutegel durch wiederholte Bewegungen in die Haut eines Tieres oder Menschen eine kleine Wunde "fräst". Schon bevor der Blutegel anbeisst, saugt er sich fest an seinen Wirt und lässt ihn nicht mehr freiwillig los, bevor er satt ist.

 

Die Nahrung der Blutegel

Interessant erscheint mir, dass ein Blutegel sich in seiner Jugend vom Blut kleiner, kaltblütigen Wassertieren wie Fische, Kaulquappen etc. ernährt. Erst im ausgewachsenen Alter bevorzugen die Blutegel warmblütige Tiere, wie Rinder, Schafe, Wild, Schweine oder Menschen. Bei jedem Biss geben die Tiere einen bis eineinhalb Milligramm Hirudin(26) an den Wirtskörper ab. Ein Milligramm Hirudin macht ca. 60 Milliliter Blut für ca. 24 Stunden ungerinnbar. Dieser heilende Effekt wird in der Blutegeltherapie genutzt, gleichzeitig ermöglicht dieser dem Egel länger an der "Quelle" zu saugen, weil sich die Wunde nicht gleich verschliesst. Der Blutegel verdaut das verflüssigte, aufgenommene Blut im Laufe der nächsten fünf bis 18 Monate. Solange können sie ohne Nahrung auskommen.

Die Wirksubstanzen des Blutegels

1884 wurde bei Tierversuchen in England das Blutegelextrakt erstmals näher untersucht.(27) Der Biss eines Blutegels ist nicht schmerzhaft. Es ist noch nicht erwiesen, ob ein Anästhetikum im Speichel enthalten ist. Es kann sich ein leichtes Jucken nach dem Biss einstellen, da ein histaminähnliche Substanz lokal freigesetzt wird.

Der Biss ist sternförmig (vgl. Mercedesstern), und wird durch ca. 80 Kalkzähnchen die sich in die Haut raspeln, um zum Blut zu gelangen, verursacht. Zwischen den Zähnchen befinden sich Oeffnungen, durch welche Saliva, der Blutegelspeichel, abgegeben wird. Diese Saliva enthält die folgenden bisher identifizierten Wirkstoffe: Hirudin (abgeleiteter Name von Hirudo medicinalis = medizinischer Blutegel). Der Hauptwirkstoff sorgt für die Hemmung der Blutgerinnung. Weiter befindet sich Calin, eine ebenfalls für die Blutgerinnung verantwortliche Substanz im Speichel. Calin bewirkt das Nachbluten der Wunde, welches eine reinigende Funktion einnimmt und mit einem sanften Aderlass zu vergleichen ist. Des weiteren sind die Substanzen Hyaluronidase, Egline, Bdellin, Apyrase, Kollagenase, Destabilase, Piyavit und andere in der Saliva enthalten. Die Funktionen und Inhalte all dieser Stoffe ist noch nicht gänzlich erforscht und steht zudem nicht im Zentrum dieser Arbeit. Blutegel können keine Krankheiten übertragen.(28)

Indikationen und Wirkungsweise

Auf dem Internet, wie auch im Gesundheitsratgeber von Pukownik, sind diverse Indikationen aufgezeigt. Dies reicht u.a. von Kopfschmerzen, Migräne, Asthma, Herzbeschwerden, Sehnenscheidenentzündungen, Rheuma, Depressionen, Wechseljahrbeschwerden bis Venenentzündungen und Krampfadern. So werden die Blutegel an verschiedenen Stellen angesetzt und tun ihre Wirkung. Die klassische Anwendungsweise geschieht bei einer akuten oberflächlichen Venenthrombose. Näher gehe ich im Rahmen dieser Proseminararbeit jedoch nicht auf die Wirkungsweisen ein.(29)

Die Blutegelbehandlung

Die Egel werden an sauberen ohne Seife gereinigten Hautstellen angesetzt. Mögliche Ansatzstellen sind meist die Beine oder das Kreuzbein, sie können sich aber auch hinter dem Ohr, im Gaumen oder an anderen Orten befinden. Die empfindlichen Egel mögen teilweise nicht anbeissen, so z.B. bei Raucherinnen. Dann kann die Hautstelle ein wenig eingeritzt werden und der Egel beisst an. Die Egel werden von Hand oder vorsichtig mit einer Pinzette an die gewünschte Hautstelle gesetzt.

Pukownik selbst benutzt zum Ansetzen eine speziell präparierte Einwegspritze. Es werden durchschnittlich zwischen vier und maximal zwölf Egel angesetzt pro Behandlung, je nach Grad der akuten und bedrohlichen Erkrankung. In der Regel dauert es nicht lange bis der völlig ausgehungerte Egel sich mit dem Kopf festsaugt. Der Patient empfindet einen leichten Schmerz, welches als sicheres Zeichen gilt, dass der Egel fest angebissen hat. Zuerst saugt der Egel mit beiden Enden, wenn er viel Blut aufgenommen hat, lässt er das Hinterteil baumeln und saugt weiter bis er sich dick und prall fallen lässt. Während dem Saugen scheidet der Egel eine helle, klare Flüssigkeit aus, welche an ihm heruntertropft. Der Blutegel sondert etwa 20 Prozent der abgesaugten Flüssigkeit sofort über die Haut wieder ab, er behält lediglich die Inhaltsstoffe. Die Egel schlafen teilweise während der Saugphase ein und müssen leicht angestossen werden, damit sie weitersaugen. Die durchschnittliche Saugzeit beträgt etwa 30 bis 60 Minuten, maximal bis zwei Stunden. Die prall vollgesaugten Egel rutschen ab in eine bereitgestellte Schale. Von der Intensität des Nachblutens - der Stetigkeit, der Stärke und der Dauer - hängt der Heilerfolg ab. Es werden aus den kleinen Wunden Substanzen wie Histamin ausgeschwemmt, die einen schnelleren Heilvorgang garantieren. Es kann bis zu 24 Stunden lang nach der Behandlung zu Nachblutungen kommen. Die Wunde soll gut verbunden werden. Der Blutverlust durch eine Blutegelbehandlung ist gering, es wird zwischen einem viertel und halben Liter Blut verloren. Dies geschieht im Verlauf der ganzen Therapie, welche ca. 24 Stunden dauert.

Die kleinen Wunden verheilen meist gut und bleiben unsichtbar. Die Therapie kann ein- bis zweimal im Jahr wiederholt werden. Je nach Erkrankung können zusätzliche Massnahmen und Behandlungsmethoden eingesetzt werden.

Die Blutegelzucht

Im 19. Jahrhundert führte der enorme Verbrauch von Blutegeln und die zunehmende Zerstörung der Lebensräume durch die Industrialisierung zu einer rapiden Verringerung der natürlichen Bestände der Blutegel.(30) Zuvor gab es Gegenden in Deutschland und Frankreich, da lebten Menschen ärmerer Klassen ausschliesslich vom Blutegelfang. Doch schon in den 1830er Jahren waren die Blutegel fast ausgerottet. Mitte des 19. Jahrhunderts mussten die Tiere aus Aegypten, Syrien, Türkei, Russland und Zentralasien importiert werden. In Europa entstanden überall Zuchtanlagen. Auf die deutsche Blutegelzucht von der Firma Zaug werde ich im folgenden Teil genauer eingehen. In der Schweiz gibt es keine Blutegelzucht (zumindest habe ich keine gefunden). Allgemeine Information zu den Verhältnissen in Deutschland: es herrschen strenge Zucht- und Importvorschriften vor.(31) Die Züchtung erfolgt unter ständiger tierärztlicher Kontrolle. Ausländische Blutegel (u. a. von Ungarn, Griechenland und der Türkei) benötigen immer eine tieramtsärztliche Bescheinigung. Diese soll bestätigen, dass die Tiere frei sind von Krankheitskeimen und aus seuchenfreien Gebieten kommen. In Deutschland bleiben sie vor dem Weiterverkauf zuerst für einige Zeit unter Quarantäne. Zudem müssen Lieferungen von Blutegeln aus dem Ausland eine sogenannte Cites-Bescheinigung beiliegen, welche besagt, dass die Tiere einwandfrei und rechtlich auf legalem Weg unter Berücksichtigung aller Vorschriften importiert worden sind. Das maximale Lebensalter von Egeln in Zuchtanstalten beträgt 25 bis 27 Jahre.

Die Blutegelzucht Zaug GmbH in Biebertal/Deutschland

Die Firma Zaug ist der einzige deutsche Züchter von Blutegeln für den medizinischen Bedarf. "Grauenhaft komplizierte Tiere für die Züchtung" meint der Geschäftsführer Manfred Roth.(32) In einem grossen Gewächsehaus hat Zaug 14 Teiche nachgebaut, mit der für Egel passenden Vegetation. Durch Mikrobiologie wird die Wasserqualität ständig überwacht, frisch eingeleitetes Wasser muss vorher entkeimt werden. Das Blut für die Versorgung der Tiere bezieht Zaug aus der Biohalle Ahlsfeld Demeter, wo Schweine geschlachtet werden. Mit Blut getränkte Leintücher werden den Blutegeln als Nahrung dargeboten. Die selbst gezüchteten Tiere werden getrennt gehalten von den Importen aus der Türkei. Diese Egel werden jeweils noch für mindestens drei Monate in Quarantäne gehalten, obwohl türkische Händler belegen, dass die Blutegel nie zuvor an Menschen gesaugt haben. Doch Zaug möchte den Kunden voll und ganz Garantie geben, dass keine infizierten Tiere verkauft werden. Pro Jahr verschickt Zaug 80'000 Tiere. Kunden sind Universitätskliniken, Rheumazentren, Heilpraktiker, Aerzte, Apotheken und sogar Zahnärzte. Der Versand erfolgt in feuchten Leinenbeutel. Es werden aber auch geeignete Aufbewahrungsbehälter verkauft.

Da Blutegel rechtlich als "nicht arzneiliche Hilfsmittel" gelten, müssen sie nach jedem Einsatz sterilisiert werden. Ist dies nicht möglich bleibt nur die Entsorgung. Oft werden sie in Spiritus ertränkt. Die Firma Zaug bietet auch Blutegel in Oeko-Qualität, was bedeutet, dass einmal gebrauchte Egel für einen Aufpreis zurückgegeben werden können. Diese werden in einem alten Fischteich in "Rente" geschickt. Manfred Roth von Zaug: "Jemand, der mit Blutegeln arbeitet, kriegt eine Beziehung dazu, der will die Tiere nicht umbringen."(33) Wieweit die Haltung von Oeko-Blutegeln einem Bedürfnis des Kunden, sei es von Arzt oder von Patient entspricht oder die Firma einfach dem Anspruch von "political correctness" entsprechen möchte, oder die Züchter selbst das Bedürfnis haben die Egel zurücknehmen zu wollen, ist offen zu lassen.

Die St. Peter Apotheke in Zürich bietet Blutegel von Zaug zum Kauf an. Die Hirudi Medicinalis Ph. H. VI werden nur auf telefonische Abmachung hin Express geliefert. Der Versand erfolgt nur in der Schweiz. Die Minimalbestellung beläuft sich auf vier Stück. Der Stückpreis plus Gefäss, Express- und Versandspesen beträgt 8.50 CHF, ab sieben Stück 7.65 CHF, ab 31 Stück 6.90 CHF und ab 51 Stück noch 6.20 CHF. Zur optimalen Aufbewahrung werden speziell angefertigte Blutegelgefässe angeboten.(34)

Kurioses und Wissenswertes vom Egel

Auf der Suche nach möglicher Literatur auf dem Internet, stiess ich auf teilweise recht skurrile Sites. Neben den diversen Homepages für Naturheilärzte und Kurhäuser, wurde der Name Blutegel oft mit dem Namen Baphomet resp. Teufel in Verbindung gebracht. Es scheint eine Art Pseudonym oder gar Synonym zu sein. Der Name Blutegel wird auch als Firmennamen z.B. für Plattenlabels (engl. leech records) verwendet. Zum Kauf angeboten werden Blutegel, Kulturegel (was auch immer das heissen mag, keine nähere Infos), Egelaugen etc.

Der Blutegel wurde auch in der Literatur erwähnt. So haben z.B. Johann Wolfgang v. Goethe, Friedrich Nietzsche oder Wilhelm Busch dem Blutegel Beachtung geschenkt. Als Beispiel das Gedicht über Egel von Heinrich Heine:

Wenn sich die Blutegel vollgesogen,
Man streut auf ihren Rücken bloss
Ein bisschen Salz, und sie fallen ab -
Doch dich, mein Freund, wie wird ich dich los?

Mein Freund, mein Gönner, mein alter Blutsauger,
Wo find ich für dich das rechte Salz?
Du hast mir liebreich ausgesaugt
Den letzten Tropfen Rückgratschmalz.


Auch bin ich seitdem so abgemagert,
Ein ausgebeutet armes Skelett -
Du aber schwollest stattlich empor,
Die Wänglein sind rot, das Bäuchlein ist fett.


O Gott, schick mir einen braven Banditen,
Der mich ermordet mit raschem Stoss -
Nur diesen langweiligen Blutegel nicht,
Der langsam saugt - wie wird ich ihn los?(35)

Schlussbemerkungen

Die Bedeutung der Blutegeltherapie hat sich im Verlauf der Geschichte stark gewandelt. Vom Platz einer allzeit präsenten Therapieform verdrängt, nimmt die Blutegeltherapie heute einen kleinen festen Platz in der alternativen Medizin und teilweise auch in der Schulmedizin ein. Die Blutegelzucht, welche zu Beginn des 19. Jahrhunderts als wirtschaftlicher Sektor zusammenbrach, konnte in Westeuropa nicht mehr in Aufschwung kommen.

Eine kleine Minderheit von Menschen hat heute noch etwas mit Blutegeln zu tun. Es existiert kein tradiertes Wissen mehr bezüglich der Blutegeltherapie. Die Anwendungen von alternativen Behandlungsweisen werden zwar von Gesundheitssendungen angepriesen, aber die Mehrheit hat sich noch nie mit dem Phänomen Blutegeltherapie auseinandergesetzt. Dies bestätigten übrigens auch mehrere informelle Gespräche in meinem Freundeskreis. Es herrschte allgemein ein leicht befremdetes Gefühl vor beim Gedanken an eine Egeltherapie.

Durch das Erreichen einer niedrigen Peinlichkeits- resp. Ekelschwelle, könnte dieses Verhalten erklärt werden.(36) Elias zeigt im Zivilisationsprozess auf, dass die Peinlichkeits- und Scham- resp. Ekelgrenze stetig gesenkt wurde. Vielerlei was früher Lust erregte, zeugt heutzutage Unlust. So können sich viele Menschen nicht mehr vorstellen von lebendigen Blutegeln angezapft zu werden. Dass primär der Heileffekt im Zentrum steht, gerät so in Vergessenheit.

Obschon von den Medien alternative Therapien wie die Blutegeltherapie immer wieder propagiert werden, bleibt es offen, ob sich die Blutegeltherapie künftig wieder bei der breiteren Gesellschaftsschicht etablieren wird, die Hemmungen verschwinden werden und das Vertrauen in diese Therapie wieder steigen wird.

Literaturverzeichnis

Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2. Bd. 13. Aufl. Frankfurt a. Main 1988 (1976).
Grabner, Elfriede: Volksmedizin. In: Grundriss der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. Hg. v. Rolf W. Brednich. 2., überarb. und erw. Aufl. Berlin 1994 (1988)
Naumann, Hans: Primitive Gemeinschaftskultur. Beiträge zur Volkskunde und Mythologie. Jena 1921.
Pfleiderer, Beatrix, Katarina Greifeld, Wolfgang Bichmann: Ritual und Heilung. Eine Einführung in die Ethnomedizin. Berlin 1995.
Pukownik, Peter: Blutegeltherapie. Den Körper entgiften. München 1998.

Weiterführende ältere Literatur:

Arndt, Walter: Die Rohstoffe des Tierreichs. Hrsg. von Walter Arndt. 2. Blutegel. Berlin 1940, 524-573.
Herter, Konrad: Der Medizinische Blutegel und seine Verwandten. Wittenberg 1968.

Internetsites:

www.biebertal.de
www.blutegel-moser.de
www.gesch.med.uni-erlanden.de
www.institutschaub.ch
www.naturkost.de
www.sites.transmit.de
www.stpeter-apotheke.com

Anmerkungen

1 Seit den letzten dreissig Jahren wird eine wissenschaftliche Auseinandersetzung um die Bezeichnung der Disziplin "Volksmedizin" geführt. So werden Benennungen wie Medizinethnologie, Ethnomedizin, Medizinanthropologie, Heilkulturwissenschaften, Heilkultursoziologie oder Sozio-Medizin ebenfalls für "Volksmedizin" oder traditionelle Medizin (wie in dieser Arbeit genannt) verwendet.
2 Die folgenden Ausführungen basieren im wesentlichen auf dem Artikel von Grabner: Volksmedizin, 493-501.
3 Gesunkenes Kulturgut meint, dass aus der sogenannten "Oberschicht" d.h. hier der Schulmedizin, Kulturgut in die breite Volksschicht "herabgesunken" sei - so definiert dies zumindest Hans Naumann 1921 in seiner Zweischichtentheorie. Gegenwärtig übernimmt und lernt eher die Schulmedizin von der traditionellen Medizin.
4 Sterly zitiert bei Grabner: Volksmedizin, 496-497.
5 Siehe Fallbeispiel Dr. Martin Kraska.
6 Siehe Pfleiderer, Greifeld, Bichmann: Ritual und Heilung, 11-14.
7 Die Ahnengeister, Heiligen und Götter haben bei der Erklärung von Krankheit in Kulturen weltweit eine grosse Bedeutung.
8 Landy erwähnt und zitiert in Pfleiderer, Greifeld, Bichmann: Ritual und Heilung, 12.
9 Seymour-Smith: Macmillan Dictionary of Anthropology, 187-188.
10 Kleinman, zitiert in Pfleiderer, Greifeld, Bichmann: Ritual und Heilung, 12.
11 Greifeld schlägt vor, von Befindungsweisen statt von Gesundheit und ihrem Gegenstück Krankheit zu sprechen, da diese primär subjektiv erlebt werden und sekundär eine Wertung und Prägung durch die Gesellschaft erfahren. Ebd., 21.
12 www.biebertal.de/zaug/german/der-egel/start.html
13 Folgende Angaben basieren auf Pukownik: Blutegel-Therapie, 20-21., sowie auf www.biebertal.de.
14 Aderlass, das heisst freie Blutentnahme aus der Vene. Nicht zu verwechseln mit Blutspenden oder einer einfachen Blutentnahme. Es gilt den richtigen Zeitpunkt zu wählen sowie die geeignete Ausleitstelle. Ausserdem muss das abgezapfte Blut aus der Vene frei fliessen. Dieses Vorgehen gehört zur der Humoraltherapie oder Vier-Säfte-Lehre.
15 www.gesch.med.uni-erlangen.de
16 Diese leiten ihre Bezeichnung direkt von den vier Säften ab: Sanguiniker (sanguis lat. = Blut), Phlegmatiker (phlegma griech. = Schleim), Choleriker (chole griech. = Galle) und Melancholiker (melanie chole griech.= schwarze Galle).
17 In der alternativen Medizin wird heute noch u.a. auf diese Lehre zurückgegriffen. Siehe diverse Homepage alternativer Heilinstitute z.B. www.institutschaub.ch
18Asepsis meint Keimfreiheit, es wurden Massnahmen zum möglichst vollständigen Ausschluss von Verunreinigungen durch Mikroorganismen vorgenommen. Siehe Gesundheits-Brockhaus: www.almeda.de/home/brockhaus/1.2785.88700.html
19 Bottenberg: Die Blutegel, 28. Siehe Internetsite: www.blutegel-moser.de/html/d-ges.htm
20 Elias, Ueber den Prozess der Zivilisation, 312-454.
21 Ebd., 313-314.
22 Siehe Verband von Naturheilaerzten: www.naturkost.de
23 Alle Informationen stammen vom Interview mit Dr. M. Kraska am 8. Mai 2001.
24 Bis vor etwa zehn Jahren war die Kantonsapotheke im Kanton Zürich verpflichtet, Blutegel an Lager zu haben - Information von Kraska.
25 Im diesem Kapitel beziehe ich mich auf Pukownik: Die Blutegeltherapie, 4-21.
26 Hirudin ist der Hauptwirkstoff im Speichel des Egels.
27 www.biebertal.de
28 Pukownik: Die Blutegel-Therapie, 13.
29 Diverse Indikationen und Wirkungsweisen sind nachzulesen bei Pukownik: Blutegel-Therapie, 54-91.
30 www.biebertal.de
31 Pukownik, Blutegel-Therapie: 12.
32 Zitat, sowie auch der Abschnitt entnommen von www.biebertal.de
33 www.naturkost.de
34 www.stpeter-apotheke.com/blutegel/htm
35 www.sites.transmit.de
36 Elias: Ueber den Prozess der Zivilisation, 312-545.

  
Chakren-Balance. Schüßler-Salze, Homöopathie, Düfte
von Berndt Rieger
Siehe auch:
Schüßler-Salze. Der ganzheitliche Ratgeber. 27 Salze, 1000 Indikationen
Schüßlersalze für Psyche und Seele: Biomineralien …
Schmerzen heilen. Selbständig und sanft.
Schüßler-Salben (GU Gesundheits-Kompasse)
Der Heilatem - Atme Dich frei. Atme Dich gesund. …
Kristall-Therapie: Wie Sie Ihr Leben mit der Energie …
 
   
 
     

This web site is a part of the project StudyPaper.com.
We are grateful to Monika Litscher for contributing this article.

Back to the topic site:
StudyPaper.com/Startseite/Wissenschaft/Naturwissenschaften/Medizin

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Copyright ©  |  Impressum